HEIMATGESCHICHTE

Erste Messe im Tanzsaal

Die Herz-Jesu-Kirche in der Fehrbelliner Straße ist 100 Jahre alt

Herz Jesu zur Jahrhundertwende Foto: Prenzlauer Berg Museum

Die Adresse Fehrbelliner Straße 98 hatte in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts einen guten Ruf - vor allem bei jenen Berlinern, die ihr Vergnügen suchten. Doch das Tanzlokal "Roloffsburg", in Nachbarschaft zu den Biergärten der Brauereien Pfeffer und Königstadt nördlich der Stadtmauer gelegen, zog auch das Augenmerk von Mitmenschen auf sich, die den weltlichen Genüssen eher weniger zugeneigt sind. Vertreter der ältesten katholischen Gemeinde Berlins, der St. Hedwigsgemeinde, suchten Ende des 19. Jahrhunderts unweit der Schönhauser Allee eine Immobilie für eine neue Pfarrei. Nachdem der Versuch, Teile des Teutoburger Platzes mit einer Kirche zu bebauen, nicht zuletzt auch am Veto der Gemahlin des Kaisers, Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg, scheiterte, wurde die dreiköpfige Findungskommission, bestehend aus einem Drechslermeister, einem Maler und einem Briefträger, bei dem erwähnten Vergnügungslokal fündig. Für 115 000 Mark erwarb die Gemeinde das 688 ha große Gelände nebst Tanzsaal. Völlig unbelastet von der bisherigen Nutzung wurde nur 14 Tage nach der Beurkundung des Kaufs am 14. Juli 1989 im Tanzsaal die erste Messe gelesen. Bereits ein Jahr später, im August 1890, erwarb man noch die Fehrbelliner Straße 99 sowie im Februar 1891 das über 2000 m² große Areal Schönhauser Allee 182 hinzu. Dieses L-förmige Gesamtgebilde sollte fortan Grundstock für die Gründung einer neuen katholischen Gemeinde im Norden Berlins sein, die sich vor allem aus eingewanderten Arbeiterfamilien aus Schlesien, Ostpreußen und dem Rheinland rekrutierte. Die Gründerzeit zog die Menschen wie ein Magnet in die sich fast explosionsartig ausdehnende Reichshauptstadt, so daß auch der Bedarf an sozialen und kirchlichen Einrichtungen gewaltig anstieg.

Erste Straßenfrontkirche

Der Ankauf der Grundstücke für das neue Gemeindezentrum wurde im wesentlichen durch Stiftungsgeld aus der Familie Savigny ermöglicht, die damit auch die Auflage verband, die neue Pfarrei "Herz Jesu" zu nennen. Doch schon ab 1893 stand die Pfarrei vermögensrechtlich auf eigenen Füßen, und die Frage nach einem eigenen Gotteshaus genoß höchste Priorität. Zum einen wollte man als Katholik auch mit einem weiteren Sakralbau in der protestantisch dominierten Stadt präsent sein, zum anderen platzte der ehemalige Tanzsaal mit seinen 500 Plätzen aus allen Nähten. Über 27 000 Mitglieder zählte man in jenen Jahren (heute sind es noch etwa 2700). Da der Versuch, eine freistehende Kirche zu bauen, bereits an der Grundstücksfrage gescheitert war, faßte der Gemeinderat den für Berlin erstmaligen Beschluß, die Kirche in die Straßenfront hineinzubauen. Architekt von Kirche, Pfarrhaus, Schule und Hospiz wurde der Charlottenburger Professor Christoph Hehl. Das Geschick, mit dem er das vorhandene Bauland im Sinne des Kirchenbaus nutzte, um trotz der Enge eine monumentale Wirkung zu erzielen, wurde damals ganz besonders gewürdigt.

Während Schule und Hospiz im rückwärtigen Teil der Schönhauser Allee 182 bereits im April 1896 fertiggestellt wurden (wofür man unter anderem die einnahmenträchtige Badeanstalt an diesem Ort abriß!), erfolgte die Grundsteinlegung für den Kirchenbau in der Fehrbelliner Straße im Juni 1897. Bereits ein Jahr später, im Oktober 1898, wurde sie zur Nutzung freigegeben.

Bestandteil der Hehlschen Pläne war auch die ausladende Wandbemalung in der Kirche. Der damalige Pfarrer Peter Alesch beauftragte gemeinsam mit Professor Hehl den Maler Friedrich Stummel mit der Ausführung. Der Meister selbst gestaltete 1911 den Chor und 1913 die Kuppel des Hauses aus, sein Schüler Karl Wenzel vollendete in den Jahren 1926/27 das Werk im Quer- und Langhaus. Mit hohem -auch finanziellem- Aufwand wurden diese Klein-ode in den vergangenen Jahren gereinigt und erstrahlen zum 100jährigen Jubiläum der Kirche in neuem Glanz.

Ort der Zuflucht

Ein bemerkenswertes Kapitel schreibt die Kirche während der Zeit der Naziherrschaft. Das hier ansässige "Hilfswerk beim bischöflichen Ordinariat" unter Leitung von Margarete Sommer (ihr zu Ehren ist seit 1992 eine Straße an der Werneuchener Wiese benannt) verhalf zahlreichen Berliner Juden zur Flucht ins Ausland. Für nachweislich zwei Juden, Erich Wolff und Karl Müller, waren die Keller der Kirche für Jahre ein Ort der Zuflucht. Beide überlebten, auch aufgrund der uneigennützigen Hilfsbereitschaft und Verschwiegenheit von Margarete Sommer.

Den Krieg selbst hat das Gotteshaus relativ unbeschadet überstanden. Ein Granateneinschlag ins Dach richtete 1943 den größten Schaden an. Schwerer getroffen wurden das Vorderhaus Schönhauser Allee 182 während eines Luftangriffs im November 1943 und das Pfarrhaus im März 1945. Während letzteres wieder aufgebaut wurde, trug man die Reste der Ruine in der Schönhauser Allee ab.

Außergewöhnliches bot Herz Jesu auch nach Kriegsende. Die hier beheimatete Theresienschule war das einzige konfessionelle Gymnasium der DDR. 1992 wurde die Schule dann nach Weißensee verlegt.
Hartmut Seefeld

VORORT - Bauen und Wohnen in Prenzlauer Berg