HEIMATGESCHICHTE

Dreiecksgeschichte

Der Senefelderplatz entstand aus einer Restfläche


Der Senefelderplatz 1907 Foto: M. Missmann (Märkisches Museum)

Wer Berlin vor 150 Jahren durch das Schönhauser Tor verließ, geriet prompt in eine bierselige Gegend. Kurz hinter der alten Akzisemauer erhob sich linkerhand die Brauerei Pfeffer, direkt ihr gegenüber thronte die Königstadtbrauerei, beide mit ansehnlichen Biergärten ausgestattet. Getrennt wurden beide durch die Pankower Chaussee, heute Schönhauser Allee. Kurz hinter diesen beiden Brauereien zweigte damals ein unbefestigter Weg ab, der den wenige hundert Meter entfernten Jüdischen Friedhof östlich passierte. Auf diese Art entstand eine Dreiecksspitze, die Jahre später ein nicht unbedeutender Stadtplatz werden sollte.

Spekulationsgewinn

Im Jahre 1862 legte der Baurat James Hobrecht einen Bebauungsplan vor, in dem er sehr detailliert die Struktur des neuen Stadtviertels festlegte und in dem zahlreiche Plätze eingezeichnet waren. Doch die meisten von ihnen entstanden in weitaus kleinerem Umfang oder auch gar nicht. Viele Grundeigentümer protestierten energisch dagegen, daß ihnen die Vermarktung ihres Eigentums verwehrt blieb. Schließlich gab es aber eine Ausnahme, wo der Gewinntrieb eine größere Freifläche hervorbrachte. Sollte laut Hobrecht die künftige Weißenburger Straße (seit 1947 Kollwitzstraße) im Zuge des genannten Weges an der Ostseite des Jüdischen Friedhofs verlaufen, verlangte dagegen der Bauherr -der Actienbauverein Königstadt erwarb 1872 sämtliche Grundstücke in dieser Gegend- den Straßenzug um etliche Meter weiter östlich anzulegen, um ihn beidseitig mit Wohnhäusern bebauen zu können. Dieser Forderung wurde von der Stadt nachgegeben, so daß davon auch die mickrige Freifläche am Abzweig von der Schönhauser Allee profitierte. Das dadurch reputierliche Dreieck, gebildet aus der Schönhauser Allee, Metzer Straße und Weißenburger Straße, wurde als Stadtplatz A aufgewertet und um 1882 Thusneldaplatz getauft. Thusnelda, Tochter des germanischen Stammesfürsten Armin, hatte den Cheruskerfürsten Segestes gegen den Willen ihres Vaters geheiratet, der daraufhin seine Tochter nebst Sohn entführte, um sie im Jahre 16 n.Ch. dem Römischen Feldherrn Germanicus auszuliefern. Das späte Glück der germanischen Heroin, einem Berliner Platz den Namen geben zu dürfen, dauerte nur ganze 14 Jahre. 1896 verschwand ihr Name auf Kaiserliche Kabinettsorder hin zugunsten von Alois Senefelder aus dem Straßenbild Berlins. Bereits 1892 war auf Initiative und Kosten der deutschen Druckereiarbeiter ein dem Erfinder der Lithographie und des Steindrucks gewidmetes Denkmal an der Südspitze des Thusneldaplatzes eingeweiht worden. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen am 6. November jenes Jahres, dem 121. Geburtstag von Alois Senefelder, um das vom Bildhauer Rudolf Pohle aus Carrara-Marmor geschaffene Werk zu feiern.

Berühmt als Bahnhof

Mit der Einweihung des Denkmals war auch die Gesamtgestaltung der 2855 m² großen Fläche abgeschlossen. Optisch durch eine Baumreihe vom Denkmal getrennt, trug am Nordrand auch ein öffentliches Pissoir, ein sogenanntes Café Achteck, der zentralen Lage des Platzes Rechnung.

Der U-Bahnbau im Zuge der Schönhauser Allee in den Jahren 1911 bis 1913 brachte neue Eingriffe in seine Geschicke. Es wurden Bäume gefällt und unterirdisch eine Umformerstation für die Stromversorgung gebaut, deren Treppenzugang sich seitdem neben dem Pissoir an der Nordseite befindet. Der Südzugang zur U-Bahnstation "Senefelderplatz" befindet sich unmittelbar neben dem Denkmal. Im Jahre 1927 wurde im Bereich der Metzer Straße durch die Reichskraftspritgesellschaft mbH eine Tankstelle mit zwei Zapfsäulen auf dem Bürgersteig und einem Häuschen für den Tankwart und den Platzwart gebaut.

In den politischen Mittelpunkt geriet der Platz am 1. Mai 1929. Trotz eines Verbots der Maidemonstrationen durch die preußische Regierung versammelten sich an diesem zentralen Punkt über 1000 Menschen. Um die Ansammlung zu zerstreuen, schoß die Polizei scharf.

Der Zweite Weltkrieg hat auch am Senefelderplatz seine Spuren hinterlassen. Die Wohnhäuser der Metzer Straße nördlich des Platzes waren völlig zerstört wie auch das Eckhaus an der Kollwitzstraße. Das Denkmal war schwer beschädigt und der Baumbestand großenteils verheizt. Anfang der 50er Jahre verschwand die Tankstelle. Es dauerte bis 1963, ehe die Kriegsschäden am Denkmal beseitigt wurden. Noch bis zum Anfang der 80er Jahre war das Pissoir nutzbar. Es verschwand dann aber wegen seiner Baufälligkeit aus dem Stadtbild. Nach 1990 wurde im Zuge der völligen Neugestaltung des Platzes nicht nur das Denkmal von Grund auf restauriert, auch gärtnerisch erhielt der Platz eine Verschönerungskur. Sozusagen als Bonbon stellte das Naturschutz- und Grünflächenamt auch das Pissoir wieder auf, zum Leidwesen zahlreicher Bierfreunde jedoch nur noch als Attrappe. Hartmut Seefeld

VORORT - Bauen und Wohnen in Prenzlauer Berg