Achtung, Tretminengefahr!
Von Susanne Schwartz, Historikerin und Anwohnerin am Helmholtzplatz
Wer hätte das gedacht! Nach Angaben des Statistischen Landesamts leben in Prenzlauer Berg und Friedrichshain nur 4.695 der insgesamt 102.555 registrierten Hauptstadthunde. Rechnet man weitere 1.500 als »Steuersünder« hinzu, sind das knapp 6.200 Exemplare, die hier täglich Gassi gehen. Verglichen mit anderen Bezirken wie etwa Marzahn/Hellersdorf mit 10.173 Hunden, nimmt sich das beinahe bescheiden aus.
Berliner Luft
Wenig tröstlich sind solche Statistiken allerdings angesichts der unzähligen Hundehaufen und der mit sommerlichen Temperaturen zunehmenden Geruchsintensität im Gebiet zwischen Mauerpark und Friedrichshain, denn unsere 6.200 Vierbeiner produzieren täglich immerhin etwa 1,5 Tonnen Kot, das sind 547,5 Tonnen im Jahr. So ist das kopfgesenkte Flanieren des kundigen Berliners weniger als Demutsgeste, sondern vielmehr als Zeichen seiner permanenten Angst vor »Tretminen« zu verstehen.
Doch einmal abgesehen vom Ekelempfinden, das die Kothaufen hervorrufen, sind sie in solch großer Zahl vor allem auch ein hygienisches Problem. Leider erfreut sich dieses Thema an verantwortlicher Stelle wie etwa im Umweltamt oder im Veterinäraufsichtsamt des Bezirks keiner Popularität. Auch bei der Hygiene- und Umweltmedizin kann man dazu »keine Aussage« machen. Dabei liegen durchaus alarmierende Ergebnisse aus Studien vor. Mit dem Kot werden Larven von Parasiten ausgeschieden, die beim Menschen schwere Erkrankungen bis hin zu Störungen des zentralen Nervensystems verursachen können. Die Doktorarbeit von Rainer M. Schaffert »Die umwelthygienische Bedeutung des Hundekots im Lebensraum einer Großstadt« kam bereits 1978 zu dem Ergebnis, dass Infektionen des Menschen mit den Larven bestimmter Arten des Spulwurms zugenommen haben. Infektionskrankheiten gehen ebenso von Arten des Bandwurms und von Salmonellen aus. Gute Gründe also, das Thema nicht vom Tisch, sondern den Kot von der Straße zu kehren.
Echtes Berliner Problem
Dafür steht jedoch der Berliner Stadtreinigung (BSR) kein besonderer »Hundehaufen-Reinigungsfonds«, finanziert zum Beispiel aus der Hundesteuer, zur Verfügung. Diese Einnahmen, im Jahre 2000 waren es nach Angaben der Oberfinanzdirektion in Berlin immerhin knapp 23 Millionen DM, verschwinden ohne irgendeine Zweckbindung in den unergründlichen Tiefen des Berliner Haushalts. Die BSR sieht sich als Buhmann und bezeichnet die Zustände als »echte Berliner Problematik«. Ähnlich wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung appelliert sie hauptsächlich an den guten Willen der Hundhalter.
So gilt das Gebiet um den Helmholtzplatz bei den BSR-Mitarbeitern bis heute als »Scheißgebiet«, in dem »mehr Hunde als Menschen« leben. Beinahe täglich sind sie hier im Doppel mit Schaufel, Besen und Handkarren unterwegs und werden der prekären Lage dennoch nicht Herr. Auch der gelegentliche Einsatz einer speziellen Hundekot-Saugmaschine nach dem Pariser Vorbild der »motocrottes« ändert daran wenig. So gibt es an diesem Ort weiterhin die vielfältigsten Begegnungen mit dem corpus delicti.
Während Erzieherinnen im Grunewald Fähnchen zur Markierung in die Haufen stecken, behelfen sich hiesige Kindergärtnerinnen mit gezielten, jedoch nicht immer erfolgreichen Warnrufen. Ein hoher Zaun sichert dann zwar die kita-eigene Buddelkiste auf dem Helmholtzplatz, doch gleich nebenan »muss man verdrängen, dass hier auch schon mal Hunde sind«, erklärt mir eine Nachbarin.
Dabei geht es auch anders: die Rottweilerhündin Lina liegt angeleint zu Herrchens Füßen und würdigt die naheliegende Wiese einschließlich Sandkasten keines Blickes. Herrchen erklärt überzeugend: »Ick bin ooch dajejen, dass die Hunde uff'n Spielplatz scheißen. Dit is ne Schweinerei«.
Irreversible Schäden
Ein anderes, vielleicht größeres Problem sind die Umweltschäden, die durch Hundeurin verursacht werden. Ungefähr 4.500 Liter dieser ätzenden Flüssigkeit ergießen sich in Berlin täglich über Gehwege und frisch verputzte Häuserwände, gegen Bäume, auf Blumenrabatten oder Rasenflächen.
Dr. Hartmut Balder vom Berliner Pflanzenschutzamt hat in mehreren Studien auf die dramatische Situation aufmerksam gemacht: »Der Urin von Hunden ruft irreversible Schäden bei kontaminierten Pflanzenstellen hervor«. Die extreme Konzentration von Nährstoffen führe zur Überdüngung, Harnstoff und Chlorid wirken wie eine giftige Salzlösung besonders auf junge Bäume und empfindliche Beetpflanzen.
Es entstehen regelrechte Verätzungen, durch die Krankheitserreger und Pilze in die Pflanze eindringen und Fäulnis verursachen. Das alles nimmt den Bäumen die Standfestigkeit, letztlich müssen sie gefällt werden.