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  September 2001

Berlin-Prenzlauer Berg
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Zur Person

Michael Bock (41), leitet seit März 1992 die Sanierungsverwaltungsstelle Weißensee, die zum Stadtplanungsamt gehört.
Der Diplomingenieur für Stadt- und Regionalplanung, der an der Technischen Universität Berlin studierte, ist unter anderem zuständig für die Bearbeitung von Anträgen auf sanierungsrechtliche Genehmigung im Sanierungsgebiet Komponistenviertel.

Charme einer Vorstsadt

Michael Bock: »Das Komponistenviertel ist eines der wenigen Sanierungs- gebiete in Berlin, wo ein Bevölkerungszuwachs verzeichnet wird.«

    Das Komponistenviertel an der Berliner Allee, das im Dezember1994 vom Senat als Sanierungsgebiet festgelegt wurde, ist das historische Zentrum von Weißensee. Welche städtebaulichen und demographischen Besonderheiten weist es auf?

Mit knapp 5.500 Bewohnern, einer Fläche von 50 Hektar und inzwischen mehr als 4.000 Wohnungen ist das Quartier äußerst vielgestaltig. Da ist die Einkaufsmeile Berliner Allee mit dem Antonplatz als städtebaulichem Mittelpunkt, und da sind die sich zu beiden Seiten anschließenden Wohngebiete. Vor allem nördlich der Berliner Allee gibt es Blöcke mit alten Handwerkerhäusern, in denen einst kleine Betriebe Weißensees Ruf als Gewerbestandort begründeten. Im südlichen Bereich hatten die Grundstücke ursprünglich Vorgärten, deren Wiederherstellung wir, wo immer möglich, anstreben. Dass Weißensee einmal ein Vorort von Berlin war, lässt sich an der städtebaulichen Struktur des Viertels durchaus noch ablesen. Sie soll im Prinzip erhalten werden, weshalb das Bezirksamt 1996 zusätzlich eine Verordnung zum Erhalt der städtebaulichen Eigenart des Gebiets erlassen hat. Was die demographische Entwicklung betrifft, so war vor der Festlegung des Sanierungsgebiets eine gewisse Überalterung der Bevölkerung festgestellt worden. Das hat sich aber durch den Zuzug Jüngerer in den letzten Jahren geändert. Unter den 22 Sanierungsgebieten Berlins ist das Komponistenviertel eines der wenigen mit Bevölkerungszuwachs. Er beträgt für den Zeitraum von Ende 1992 bis Ende 1998 immerhin sechs Prozent.

    Worauf führen Sie das zurück?

Im Gebiet sind bis Ende 2000 knapp 700 neue Wohnungen entstanden, und inzwischen sind mit ca. 2.000 Wohnungen nahezu 40 Prozent des Altbaubestands saniert. Die Zentrumsnähe -mit der Tram fährt man zum Alexanderplatz nur ca. zehn Minuten-, aber auch die Lage am Weißen See und der hohe Grünanteil tragen zur Attraktivität des Quartiers bei. Die wird sicher weiter steigen, wenn es gelingt, das relativ hohe Sanierungstempo beizubehalten. Noch stehen aber rund 2.100 Wohnungen zur Sanierung an.

    In welchem Umfang wird die Stadterneuerung im Komponistenviertel durch das Land Berlin gefördert?

400 der knapp 700 bislang errichteten Neubauwohnungen sind mit Fördermitteln entstanden, und rund 1.300 bereits modernisierte Altbauwohnungen sind mit öffentlicher Förderung vorwiegend im Rahmen des Programms "Soziale Stadterneuerung" instandgesetzt und modernisiert worden. Dazu gehören auch fünf Häuser, deren Sanierung im Programm "Bauliche Selbsthilfe" gefördert worden ist.

    Welchen Einfluss nimmt Ihre Behörde auf die Miethöhe nach Modernisierung?

Die jüngste Sozialstudie aus dem Jahr 1998 weist für das Gebiet eine durchschnittliche Mietbelastung von 20 Prozent auf. Darunter ist im konkreten Fall der Anteil der Nettokaltmiete am Haushaltsnettoeinkommen zu verstehen. In den Neubauten, die vorwiegend von Mietern mit überdurchschnittlichem Einkommen bewohnt werden, liegt sie bei 24, im unsanierten Altbau bei 18 Prozent. Da rund ein Drittel der Haushalte im unsanierten Altbau unterdurchschnittliche Einkünfte bezieht, hat das Bezirksamt eine Regelung getroffen, wonach im Gebiet die Nettokaltmiete nach Abschluss von Modernisierungsmaßnahmen den jeweiligen Mittelwert des Mietspiegels nicht überschreiten darf. Das betrifft sowohl frei finanzierte als auch geförderte Modernisierung. Bei Privatmodernisierung gilt diese Einstiegsmiete für die Dauer von mindestens 12 Monaten. Der Vermieter kann also erst danach ein Mieterhöhungsbegehren geltend machen. Dagegen sind bei geförderter Sanierung die Mietbindungsfristen aufgrund der Förderbedingungen bekanntlich länger.

    In den anderen Sanierungsgebieten unseres Bezirks gelten die Mietobergrenzen bei frei finanzierter Modernisierung für fünf Jahre. Ist daran auch für das Komponistenviertel gedacht?

Momentan nicht. Wir werden die Entwicklung im Zuge der Aktualisierung der Sozialstudie aber im Auge behalten und bei entsprechendem Erfordernis reagieren.

    Wer ist im Komponistenviertel am Sanierungsprozess beteiligt?

Der Sanierungsverwaltungsstelle als Teil des Stadtplanungsamts obliegt vor allem die Aufgabe, die Sanierung zu koordinieren, Anträge auf sanierungsrechtliche Genehmigung zu bescheiden, Eigentümer und Architekten zu beraten und die Belegung geförderter Altbauwohnungen zu kontrollieren. Zur Unterstützung ist den Sanierungsverwaltungsstellen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein Sanierungsbeauftragter zur Seite gestellt worden. Bei uns ist das die complan GmbH, zu deren Aufgaben unter anderem die Akquisition von Fördermitteln, die Koordinierung zur Fortschreibung der Sanierungsziele einschließlich der Bedarfe an Infrastruktureinrichtungen und auch die Beratung sanierungswilliger Eigentümer gehören. Im Auftrag des Bezirksamts ist die Mieterberatungsgesellschaft SPAS im Gebiet tätig. Und selbstverständlich gibt es eine Betroffenenvertretung, die erst kürzlich neu gewählt wurde. Ein wichtiges Gremium ist der Sanierungsbeirat, dem Vertreter des Bezirks, des Stadtentwicklungssenats, des Sanierungsbeauftragten, der Mieterberatung und der Betroffenenvertretung angehören und der monatlich über den Stand der Sanierung sowie aktuelle Bauvorhaben berät.

    Welche Erfahrungen haben Sie im Umgang mit sanierungswilligen Eigentümern, die ja zu den wesentlichen Akteuren im Gebiet gehören?

Überwiegend positive. In den meisten Fällen wird auf der Basis der Sanierungsziele Übereinkunft erzielt. Aber natürlich gibt es seitens mancher Bauherren auch Widersprüche gegen behördliche Entscheidungen. Bislang sind es 80, von denen jedoch gut die Hälfte zurückgezogen worden ist. 25 Widersprüchen wurde abgeholfen, nur in drei Fällen sind Gerichtsverfahren anhängig. Alles in allem haben wir aber kaum Anträge vorliegen, die den angestrebten normalen Standard überschreiten.

    Nicht weniger dringend als die Erneuerung der Wohnsubstanz ist die Verbesserung der Infra-struktur. Was ist da im Komponistenviertel bislang realisiert worden?

Nachdem zunächst die Sanierung von Gewerbe- und Wohnraum im Vordergrund stand, wird jetzt die Erneuerung der sozialen Infrastruktur immer mehr zu einem Schwerpunkt, auch wenn die dafür nötigen Mittel nicht im erforderlichen Umfang vorhanden sind. Dennoch konnten einige Projekte, die auch im Rahmenplan für das Sanierungsgebiet ausgewiesen sind, verwirklicht werden. Ich denke da an die Jugendfreizeitstätte in der Max-Steinke-Straße 33, die Erweiterung des Spielplatzes in der Meyerbeerstraße 18/20 und die Umgestaltung der nördlichen Hälfte des Antonplatzes. Mit der sich verändernden Zusammensetzung der Gebietsbevölkerung ändern sich natürlich auch bestimmte Bedarfe, so dass einzelne Ziele entsprechend korrigiert werden müssen. So können wir jetzt zum Beispiel auf einen KiTa-Standort in der Mahlerstraße verzichten.

    Welche Vorhaben werden zurzeit verwirklicht?

In der Bizet-/Ecke Mahlerstraße soll demnächst eine Zentralbibliothek für Weißensee entstehen. Der Neubau, für den notwendige Abrissarbeiten bereits erfolgt sind, wird von einem privaten Investor finanziert und dann im Rahmen eines Mietvertrags vom Land Berlin genutzt. Dort soll auch das Stadtgeschichtliche Museum Weißensee mitsamt Archiv einziehen. Wir hoffen, dass das Gebäude irgendwann im nächsten Jahr bezugsfertig ist. Aktuell steht auch eine Jugendfreizeiteinrichtung in der Mahlerstraße 4/6 an, eine weitere entsteht zurzeit in der Mahlerstraße 20, und in der Gounodstraße 39 wird gerade ein neuer Spielplatz angelegt.

    Was ist für die nächsten Jahre geplant?

Auf mehreren Grundstücken in der Mahlerstraße sollen zwei einander gegenüberliegende Spielplätze gebaut werden, wobei durch die Ausweisung dieses Straßenabschnitts als verkehrsberuhigter Bereich eine zusammenhängende Aufenthaltsfläche entsteht. Ein weiteres Vorhaben ist die Umgestaltung der Herbert-Baum-Straße nach historischem Vorbild. Als Zuwegung zum Jüdischen Friedhof Weißensee, Europas größter jüdischer Begräbnisstätte, kommt ihr besondere Bedeutung zu. Dabei ist auch an die Wiederherstellung von Vorgärten gedacht. Und in der Smetanastraße soll knapp außerhalb des Sanierungsgebiets eine neue Schulsporthalle errichtet werden. Der 1993 aufgestellte Rahmenplan für das Komponistenviertel wird zurzeit aktualisiert und danach in Broschürenform veröffentlicht.

    Was ist im Rahmen der ja ebenfalls geplanten Neugestaltung der südlichen Hälfte des Antonplatzes vorgesehen?

Dazu laufen schon seit einiger Zeit zwei Bebauungsplanverfahren. Vorgesehen ist zunächst der Erhalt der Grünanlage. Der Durchgang zur Bizetstraße wird verbreitert. Allerdings soll die Grünanlage durch Bebauung gefasst werden. So ist im westlichen Bereich Wohnungsbau mit Gewerbe im Erdgeschoss vorgesehen, möglicherweise auch mit einer Seniorenbetreuungsstätte. Neubebauung, eventuell ein Hotel, wird es aber auch im östlichen Bereich geben. An der Realisierung dieser Vorhaben sind mehrere Investoren interessiert.

Das Gespräch führte Albrecht Molle