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  Juni 2001

Berlin-Prenzlauer Berg
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Bezirksstadträtin Christine Keil Foto: St. Pletl

Schluss mit lustig

Interview mit Christine Keil, Bezirksstadträtin für Jugend, Schule und Sport

Wenn Familien über ein künftiges Zuhause entscheiden, haben sie neben einer ausreichend großen und auch bezahlbaren Wohnung noch andere Ansprüche. Welche Schul- oder KiTaangebote gibt es für die Kinder, welche Freizeiteinrichtungen sind vorhanden und welche Sportanlagen können genutzt werden? Für all diese Dinge ist im neuen Großbezirk seit knapp einem halben Jahr die PDS-Stadträtin Christine Keil (47) aus Weißensee zuständig. "Viele Anrufe, viele Briefe, viele Beschwerden, viele Einladungen", lautet ihr erstes Fazit. Und: "Das Thema Schule bewegt die Bevölkerung im Bezirk sehr heftig".

80 Schulen, 130 KiTas und 34 Jugendfreizeiteinrichtungen unterstehen ihr, hinzu kommen diverse Sporteinrichtungen. Und alle haben immer in irgendeiner Form ein Anliegen. Proteste gegen Schul- und Klubschließungen, Warnungen wegen maroder Gebäude, Vorbehalte gegen die Privatisierung von Kindertagesstätten oder Forderungen nach mehr Investitionen stehen ständig auf der Tagesordnung. Nach einem halben Jahr Amtszeit zieht Keil eine ernüchternde Bilanz.

Aus Prenzlauer Berg haben Sie von Ihrem Vorgänger im Amt des Schuldezernenten, Burkhard Kleinert, nicht nur einen kompletten Schulentwicklungsplan geerbt, sondern auch eine, allerdings von der BVV stornierte, Bezirksamtsvorlage zur umgehenden Schließung von Schulen im jetzigen Ortsteil. Was ist daraus geworden?

Ich habe es für notwendig gehalten, die Empfehlungen nicht pauschal zu übernehmen, sondern in kürzester Frist nochmals mit allen Beteiligten, also Eltern, Lehrern und Schülern und auch Bezirksverordneten, in den entsprechenden Gremien zu diskutieren. Im März habe ich dann eine eigene Vorlage ins Bezirksamt eingebracht, die auch beschlossen wurde. Die geplante Aufhebung der Odense-Grundschule in der Schönfließer Straße bereits im Sommer 2001 ist wegen des eklatanten Schülermangels unvermeidlich. Ausschlaggebend war letztendlich die Tatsache, dass trotz starken Werbens keine 1. Klasse eingerichtet werden konnte. Allerdings wechseln die verbliebenen Schüler und Lehrer gemeinsam an die 11. Grundschule in der Gleimstraße statt, wie ursprünglich vorgesehen, an die Bornholmer Grundschule mit ihrem Montessoriprofil. Damit entsprechen wir auch den Vorstellungen der Eltern und der Schulkonferenz der Odense-Grundschule.

Eine weitere Entscheidung steht auch für die 8. Grundschule an der Conrad-Blenkle-Straße und die 9. Grundschule an der John-Schehr-Straße ins Haus. Welches Votum haben Sie hier herbeigeführt?

Bei diesen beiden Schulen bleibt es bei der ursprünglichen Variante. Die 8. GS gibt ihren Standort im Sommer 2001 auf und zieht in das Gebäude der 9. GS. Diese wiederum wird als Schule aufgehoben, Schüler und Lehrer werden in die 8. GS integriert. Wir haben hier eine sogenannte Zusammenlegung beider Schulen diskutiert, bei der die Schulkonzeptionen aller beteiligten Schulen gleichberechtigt in die Fusion einfließen, doch eine solche Möglichkeit sieht das Schulgesetz bislang noch nicht vor. Es ist aber ein für betroffene Lehrer und Schüler immens wichtiger psychologischer Gewinn, wenn sie bei ohnehin nicht von ihnen verursachten Schulschließungen nicht mehr einfach irgendwo an die Nachbarschule angeschlossen werden und sich dort irgendwie durchsetzen müssen, sondern Klassen weiterbestehen und ein gemeinsames Schulkonzept erarbeitet wird. Keiner ist dann der Unterlegene. Das neue Schulgesetz wird diese Möglichkeit künftig in Betracht ziehen, und das wird auch notwendig sein, denn die Veränderungen in der Schullandschaft sind längst noch nicht abgeschlossen.

Was ist denn noch zu erwarten?

Zumindest in diesem Jahr passiert in Prenzlauer Berg im Grundschulbereich nichts mehr. Ich habe mir vorgenommen, bis Februar 2002 eine neue Schulentwicklungsplanung für den gesamten Bezirk vorzulegen. Nur in diesem Zusammenhang werden natürlich auch jene offenen Problemfälle aus dem Jahr 2000, für die wir jetzt noch keine Entscheidung gefällt haben, betrachtet. Das betrifft unter anderem die Standorte 16. Grundschule in der Erich-Weinert-Straße und 17. Grundschule am Pieskower Weg, wo im September dieses Jahres noch einmal eine bzw. zwei 1. Klassen eingeschult werden.

Bereits ab September diskutieren wir mit den Schulleitern über die neuen Einzugsbereiche an Grundschulen, die gleichfalls Bestandteil der neuen Schulentwicklungsplanung sein werden und sich nicht mehr an den alten Bezirksgrenzen orientieren, das steht schon jetzt fest.

Im Herbst werden sich aber auch schon Entscheidungen für das Schuljahr 2002/2003 abzeichnen.

Wieviele Schulen stehen eigentlich noch zur Disposition?

Wir gehen aktuell davon aus, dass wir die Talsohle bei der Zahl der Grundschüler im Jahre 2003 durchschritten haben und sich diese Werte dann vorsichtig bis 2010 nach oben entwickeln. Darauf werden wir die Planung auch ausrichten. Mit der Vorlage des neuen Schulentwicklungsplanes wird es auf alle Fragen nach weiteren Schulschließungen eine konkrete Antwort geben.

In der Oberstufe sieht es besonders im Gesamtschul- aber auch im Haupt- und Realschulbereich schwierig aus. Bleibt hier trotzdem alles beim Alten?

In gewisser Weise. Die 2. Gesamtschule an der Hanns-Eisler-Straße wird allmählich herunter gefahren, es werden dort keine neuen Klassen mehr eingerichtet, so dass die Schule 2002 aufgelöst wird.

Eine gleichfalls schwierige Situation haben wir an der kombinierten Haupt- und Realschule in der Kastanienallee. Wir haben hier jedoch für dieses Jahr eine Entscheidung zur Aufhebung ausgesetzt, um noch einmal die Anmeldesituation zu hinterfragen. Diese stellt sich allerdings weder am Realschulzweig noch an der Hauptschule besonders gut dar. An der Realschule haben wir nicht einmal eine 7. Klasse zusammen bekommen, im Hauptschulbereich konnten zwei 7. Klassen eingerichtet werden. Ich möchte aber jetzt noch keine Schlussfolgerungen aus diesen Zahlen ziehen, auch weil es ein großes Interesse der obersten Schulaufsicht gibt, das Modell einer kombinierten Haupt- und Realschule nicht einfach aufzugeben, denn insgesamt haben wir im Realschulbereich einen guten Besuch. Zum Beispiel können wir an der Teslarealschule in der Rudi-Arndt-Straße, eigentlich ein Fusionskandidat für die Schule aus der Kastanienallee, überraschend vier 7. Klassen einrichten.

Was wird aus den Schulgebäuden, wenn weiterhin Schulen aufgegeben werden?

Bislang wurden ganz praktikable Lösungen gefunden, an der ehemaligen 3. Grundschule haben Volkshochschule, Museum und Bibliothek eine neue Heimat gefunden, in der Senefelderstraße etabliert sich ein neues Kiezzentrum, und auch in der 19. Grundschule zeichnet sich eine Nutzung als Gemeinbedarfseinrichtung ab. Für letzteren Standort wird das Bezirksamt bis Ende Juni ein entsprechendes Nutzungskonzept beschließen. Konzepte zu einer Nachnutzung der 2. Gesamtschule sind erst möglich, wenn der Schulentwicklungsplan vorliegt.

Wir haben bislang vornehmlich über die Schulen in Prenzlauer Berg gesprochen, wie sieht denn die Situation im gesamten Bezirk aus?

Nicht ganz so schlimm wie in Prenzlauer Berg. In Weißensee wurden lediglich zwei Gesamtschulen miteinander verschmolzen, aus Pankow ist mir lediglich die Aufhebung einer Schule in Buch bekannt.

In diesem Jahr gibt es bezirksweit zehn Schulen, die nur eine 1. Klasse einrichten können, ein untrügliches Zeichen für Handlungsbedarf. Besonders in Alt-Pankow und Alt-Weißensee können wir nicht ausschließen, dass es noch zu Schulaufhebungen kommt.

Eine Entwarnung ist noch nicht möglich, es ist längst kein Prenzlauer Berger Problem mehr.

Ein besonderes Prenzlauer Berger Problem ist zur Zeit der Neubau von Schulsporthallen. An der Sredzkistraße passiert nicht viel, an der Winsstraße gar nichts...

...zumindest an der Dunckerstraße sind wir guter Hoffnung, dass nicht nur der neue Unterrichtstrakt für das Schliemanngymnasium, sondern auch die Doppelsporthalle zum neuen Schuljahr genutzt werden können.

Die neue Sporthalle für die 5. Grundschule mit Standort in der Winsstraße 50, so haben wir uns jetzt im Bezirksamt verständigt, soll nun doch als öffentliche Investition realisiert werden. Das ursprüngliche Vorhaben, hier ein Public-Private-Partnership-Projekt zu realisieren, ist damit vom Tisch. Eine erste Rate für Planungsarbeiten ist auch in den Haushalt 2002 eingestellt, läuft aber Gefahr, für den unfertigen Hallenkomplex an der Sredzkistraße aufgebraucht zu werden.

Die Doppelsporthalle dort ist unser besonderes Sorgenkind. Sie wird in diesem Jahr definitiv nicht mehr fertig, es heißt jetzt aus dem zuständigen Immobilienmanagement, dass sie zur zweiten Hälfte des Schuljahres 2002/2003 übergeben werden kann. Dazu müssen aber tatsächlich noch Gelder von anderen Vorhaben abgezogen werden.

Zu Ihrem Verantwortungsbereich gehören auch jene kommunalen Angebote, die den Schülern nach Unterrichtsschluss gemacht werden. In Prenzlauer Berg, so heißt es, ist die Palette deutlich vielseitiger als in den anderen beiden Alt-Bezirken. Bleibt das so?

Es stimmt, Prenzlauer Berg hat eine sehr gut entwickelte Projektlandschaft. Besonders auch an den Schulen sind deutlich mehr Vorhaben initiiert worden als in Pankow oder Weißensee. Dieser gute Standard lässt sich aber sehr wahrscheinlich nicht aufrecht erhalten.

Erste Schulstationen an Grundschulen sind jetzt aufgelöst worden, weil die ABM nicht verlängert wurde und andere Finanzierungen nicht mehr möglich sind. Im Rat der Bürgermeister hat man sich jetzt verständigt, berlinweit 30 Schulstationen mit einer Regelförderung zu sichern, doch allein in unserem Bezirk gibt es 29 - das rettet uns also nicht. Auch bei den Schülerwerkstätten ist bislang nur die im Camille-Claudel-Gymnasium gesichert, alle anderen nicht mehr. Am Pasteurgymnasium wird jetzt sehr engagiert um den Erhalt gerungen, ich wünsche mir sehr, dass der Klub über das Jahr 2001 hinaus erhalten werden kann.

Die vielseitige Landschaft in Prenzlauer Berg war nicht so sehr ein Produkt von Verwaltungsentscheidungen, sondern basiert vielmehr auf dem außerordentlichen Engagement der Menschen dort. Und das macht die Situation jetzt auch so besonders schwierig.

Der jetzt vorliegende Entwurf für den Haushaltsplan hat bei vielen Ausgabentiteln eine Null stehen. Bleibt das so, brauchen wir weder über eine Umverteilung zu diskutieren oder sonst irgendwelche gestaltenden Ambitionen zu haben. Dann ist einfach Schluss.
Das Gespräch führte Hartmut Seefeld