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  Juni 2001

Berlin-Prenzlauer Berg
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Margarete Sommer (1893 - 1965) Foto: Archiv

Eine Frau mit Herz

Aus der Biografie von Margarete Sommer

Die Straße, die seit 1993 ihren Namen trägt, ist ausgesprochen bescheiden. Nur einer Tankstelle gibt sie eine Adresse, ansonsten teilt der gepflasterte Fahrdamm den Friedrichshain von der Werneuchener Wiese. Gering schätzen sollte man die unumstrittenste Straßenbenennung in Prenzlauer Berg seit der Wende trotzdem nicht, denn die Abgeschiedenheit der Straße ist ein Resultat des Zweiten Weltkriegs. Kurz vor Kriegsende war die Werneuchener Wiese noch ein dicht bebautes gründerzeitliches Wohnquartier, ehe die SS das Gebiet im Frühjahr 1945 eines besseren Schussfeldes wegen kurzerhand sprengte.

Büro Dr. Sommer

Zu jener Zeit war die 1893 in Berlin-Schöneweide geborene Sozialpädagogin Dr. Margarete Sommer Leiterin des 1938 gegründeten "Hilfswerks beim Bischöflichen Ordinariat Berlin". Noch bis 1934 war die Absolventin der Berliner Universität (1924 Promotion zur Strafgefangenenfürsorge) Dozentin am Pestalozzi-Fröbel-Haus gewesen, ehe sie dort wegen ihrer Ablehnung der Rassengesetze entlassen wurde. Das Hilfswerk entstand auf Initiative des damaligen Berliner Bischofs Konrad Graf von Preysing und unterstützte in erster Linie katholische "Nichtarier", die Deutschland verlassen wollten. Ursprünglich war die Einrichtung in der Oranienburger Straße 13/14 angesiedelt, doch der dortige Hauseigentümer, die Hilfskasse der deutschen Wohlfahrtsverbände, kündigte den Mietvertrag wegen der "nichtarischen" Kundschaft. So zogen bereits 1939 der Vorsitzende des Hilfswerks, Domprobst Bernhard Lichtenberg, und die Geschäftsführerin Margarete Sommer gemeinsam mit sechs hauptamtlichen und zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern in die zweite Etage der Theresienschule auf dem Hof der Schönhauser Allee 182. Die Räume waren frei, da aufgrund von Nazi-Erlassen seit 1937 dort keine Schülerinnen mehr neu aufgenommen werden durften. Ostern 1941 kam dann der Schulbetrieb gänzlich zum Erliegen. Die Immobilie gehörte jedoch der Herz-Jesu-Gemeinde, wodurch der undiskriminierte Zugang für Hilfsbedürftige unabhängig von ihrer Religion gewährleistet wurde.

Das katholische Hilfswerk fand unter denjenigen, die unter Diskriminierung und Verfolgung leiden mussten, eine hohe Akzeptanz. Allein 1940 suchten rund 1.300 Hilfsbedürftige die Sprechstunden auf.

Im Oktober 1941 erließ das NS-Regime ein generelles Auswanderungsverbot für Juden aus Deutschland. Zudem wurde im gleichen Monat Domprobst Lichtenberg wegen seines außerordentlichen Engagements für die Juden verhaftet (er starb zwei Jahre später auf einem Transport ins KZ Dachau). Die Leitung des Hilfswerks, das nach dem Auswanderungsverbot offiziell vor allem seelsorgerischen Beistand leisten konnte, übernahm zwar Bischof von Preysing, praktisch jedoch führte Dr. Margarete Sommer das Hilfswerk allein. Sehr bald erhielt die Institution den Beinamen "Büro Dr. Sommer".

Margarete Sommer, die zugleich auch als Beauftragte des Bischofs für Frauenseelsorge ein Büro am Bischofssitz in der Behrenstraße in Mitte unterhielt, bewies in ihrer Tätigkeit für das Hilfswerk ein hohes Maß an Zivilcourage. Durch ihre vielseitigen Kontakte auch in die politische Hierarchie hinein gelangte sie an eine Vielzahl von Informationen, die sie zu Gunsten ihrer Schützlinge verwendete. Aufschluss darüber gibt ein so genanntes Abwanderungsbuch. Es ist ein unscheinbares Heft mit über 250 Eintragungen aus der Zeit zwischen Oktober 1941 und dem Spätsommer 1944, in dem Margarete Sommer Hilfesuchende erfasste und jeweils notwendige Hilfsmaßnahmen notierte. Doch häufigste Eintragung war hinter dem jeweiligen Namen das Datum des Abtransports - ein Dokument auch der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen.

Verschwiegene Hilfe

Während viele ihrer Aktivitäten zugunsten Benachteiligter oftmals im Einklang mit noch vorhandenen gesetzlichen Regelungen standen, war Dr. Sommer auch beim illegalen Verstecken von mindestens zwei Menschen in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche in der Fehrbelliner Straße 99 beteiligt. Der eine, Erich Wolff, ein jüdischer Kaufmann und Buchdrucker, sollte laut Abwanderungsbuch im September 1942 deportiert werden. Pfarrer Alfred Brinkmann und sein Küster Robert Kaminski versteckten Wolff in Absprache mit Dr. Sommer, deren Schützling Wolff war, im Heizungskeller der Kirche, wo er auch überlebte. Ein ähnliches Schicksal erfuhr der Kommunist, Jude und Katholik Karl Müller aus der Prenzlauer Allee. Auch er fand kurz vor seiner Deportation Zuflucht in den Kellern der Kirche, was ihm und wohl auch seiner Familie das Überleben sicherte. Weder Wolff noch Müller wussten von der Existenz des jeweils anderen. Ohnehin hatte kaum jemand außer Sommer, Brinkmann, Kaminski und der 1944 als Kaplan an die Kirche berufene Horst Rothkegel Kenntnis von dieser Hilfsaktion. Auch nach Kriegsende 1945 bewahrten sie lange Zeit Stillschweigen.

Laut einem Bericht aus dem Jahre 1946 hatte das Hilfswerk insgesamt 3.365 Menschen betreut, etwa die Hälfte von ihnen war jüdischer Herkunft. Dr. Margarete Sommer hatte noch bis 1950 in Kleinmachnow ihren Wohnsitz, siedelte dann aber mit ihrer Mutter nach Westberlin um. Sie blieb bis 1960 Referentin in der Frauenseelsorge des Bistums Berlin. Margarete Sommer starb am 30. Juni 1965 in Berlin.
Hartmut Seefeld