Kommen und Gehen Sozialräumlicher Wandel in Berlin
Haben Sie sich schon mal gefragt, wo plötzlich Ihre Nachbarn geblieben sind? Oder warum im Gemüseladen gegenüber auf einmal eine Multimediaagentur residiert? Und warum Sie auf den Straßen am Helmholtzplatz oder Kollwitzplatz fast unaufhörlich Menschen begegnen, die vorwiegend einer Altersgruppe angehören, offensichtlich denselben Modeberater haben, dieselben Restaurants bevorzugen, so als seien sie aus der Retorte entsprungen?
Der Stadtsoziologe Professor Dr. Hartmut Häußermann und sein Adlatus, der Diplomgeograf Andreas Kapphan, sind bereits seit Jahren diesen und ähnlichen Phänomenen in dieser Stadt auf der Spur. Ende vergangenen Jahres präsentierten sie nun ihre gesammelten Erkenntnisse in dem Buch "Berlin: von der geteilten zur gespaltenen Stadt?".
Auf fast 300 Seiten beschreiben die beiden Wissenschaftler die historischen Hintergründe für die vorhandenen sozialräumlichen Strukturen in Berlin, insbesondere die ausgeprägten Modifikationen während der Teilung der Stadt, und, das interessiert uns vielleicht doch noch am meisten, die neuen Tendenzen in den 90er Jahren nach dem Fall der Mauer.
Häußermann und Kapphan, deren Gutachten über sozial gefährdete Stadtteile der Berliner Senat 1998 zum Ausgangspunkt für seine Entscheidung zur Berufung von Quartiersmanagern in entsprechenden Kiezen wählte, analysierten zum Teil sehr detailliert die Sozialdaten und Wanderungsprozesse in dieser Stadt. Sie gehen dabei der Frage nach, inwieweit der gegenwärtige Wandel einen Übergang von der politisch geteilten zur sozial gespaltenen Stadt widerspiegelt.
Ein umfangreiches Kapitel widmen die beiden Autoren der Stadterneuerung in den östlichen Altbaugebieten. Unter der Überschrift "Verslumt die Innenstadt?" äußern sie explizit zu Prenzlauer Berg, dass "hier ein unübersehbarer sozialer Wandel stattgefunden hat." Gleichwohl, so konstatieren Häußermann und Kapphan, finde ein sozialer Austausch in Prenzlauer Berg nicht statt. Dass zwar beeindruckende 40% der Häuser einer umfassenden Sanierung unterzogen wurden, in deren Ergebnis in den betreffenden Gebäuden meist eine neue Mieterschaft einzog, könne nicht als Argument der Verdrängung einer bestimmten Klientel durch eine andere benutzt werden, solange unsanierter und damit preiswerter Wohnraum weiterhin umfangreich zur Verfügung steht. "Eine Verdrängung der Armen", so die These, "wird dann einsetzen, wenn es diesen Bestand nicht mehr gibt und eine Ausweichmöglichkeit im Bezirk nicht mehr besteht". Verdrängung sei immer ein unfreiwilliger Weggang, doch "selbst in Häusern, für die es umfassende Mieterberatung, finanzielle Hilfen für den zeitweiligen Umzug und eine garantierte Miete für die modernisierte Wohnung gibt, kehren in aller Regel weniger als die Hälfte der Mieter in ihre alte Wohnung bzw. in das Haus zurück". Häußermann/Kapphan beschreiben natürlich nicht en detail, wo eigentlich "Oma Meyer" geblieben ist oder die Gemüsehändlerin, aber man erfährt, wo sie geblieben sein könnten und auch, was sie bewegt hat. Und man erfährt auch, was die Neuen hier eigentlich erwarten und auch, wo sie herkommen. Und das ist doch eine ganze Menge, was auch Laien durchaus zu diesem Fachbuch greifen lassen kann.
H. Seefeld