Neue Gründerzeit Genossenschaftsboom in Prenzlauer Berg
Eigentlich war schon alles perfekt. Der Hamburger Bauverein und die Wohnungsbaugesellschaft WIP wurden sich vor einem Jahr einig: die Hanseaten kaufen die 518 Wohnungen der Bremer Höhe zwischen Schönhauser Allee und Pappelallee für 850 DM/m². Ein stolzer Preis für die maroden Backsteingebäude. Doch dumm gelaufen - die betroffenen Mieter waren dagegen. Und nicht nur das. Sie gründeten eine Genossenschaft, aktivierten Kommunal- und Landespolitiker und kauften im Frühjahr mit Fördergeldern für 28 Millionen DM ihr Zuhause.
Die Lösung, an Mietergenossenschaften zu veräußern, kommt der städtischen Wohnungsbaugesellschaft insofern zugute, als so der "politisch korrekte" Eigentumswechsel unspektakulär vollzogen werden kann. Denn zu verkaufen hat die WIP noch eine ganze Menge. "In den nächsten 10 Jahren werden wir noch ca. 1.700 Wohnungen veräußern, um Geld für die Sanierung des verbleibenden Bestands zu erhalten", erklärte WIP-Geschäftsführer Klaus-Dieter Friedland kürzlich im Sanierungsbeirat von Prenzlauer Berg. Zur Zeit ist das so genannte Verkaufspaket III auf dem Markt. Es umfasst 915 Wohnungen in 24 Objekten. Der Unternehmensberater Thomas Bestgen, von der WIP schon seit Jahren damit beauftragt, die jeweils betroffenen Mieter über ihr Vorkaufsrecht zu informieren, hat einen "gewaltigen Wandel" bei Auftraggeber und Klienten beobachtet. "Bei den ersten Verkäufen wurde die Privatisierung an sich auf das Heftigste bekämpft, heute finden viele Mieter den Gedanken, eine Kaufoption zu haben, sehr verlockend", benennt er den beobachteten Wertewandel. Andererseits gelte nach dem Verkauf der Bremer Höhe auch bei der WIP die Privatisierung an eine Genossenschaft plötzlich als akzeptabel. So werden allein aus dem aktuellen Verkaufspaket insgesamt vier Komplexe an Genossenschaften privatisiert.
Das einfachste Modell ist für die 23 Mieteinheiten in der Christinenstraße 16/17 im Gespräch. Hier gründen Mieter eine Hausgenossenschaft, die ihre Immobilie kaufen und sanieren wird. Eine andere Lösung ist für die 277 Wohnungen im Karree Ostseestraße, Mandelstraße, Schieritzstraße, Hosemannstraße gefunden worden. Hier haben Mieter die Genossenschaft "Ostseeplatz" gegründet, ein kleineres Pendant zum Projekt Bremer Höhe. Dagegen bringen die Bewohner des Komplexes Torstraße 85/87 und Zehdenickerstraße 26, 26A, 27 ihre 85 Wohnungen faktisch als Mitgift bei der Genossenschaft Bremer Höhe unter, im Vertrauen darauf, dass einem solch engagierten Genossenschaftsstart nicht schon bald die Luft ausgeht. Ebenso vertrauensvoll bitten die Mieter des Karrees Conrad-Blenkle-Straße, Heinz-Bartsch-Straße, Paul-Heyse-Straße mit ihren 130 Wohnungen bei der Genossenschaft "Mendelssohnviertel" um "Asyl". Möglich wurden diese Privatisierungen durch die Verabschiedung von "Richtlinien zur Förderung eigentumsorientierter Wohnungsgenossenschaften in Berlin" im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses - auch ein Ergebnis der Gründung der Bremer Höhe.
Hartmut Seefeld