1. »Und setz' dich nicht gleich hinter die Lok!« ist ein beliebter Ratschlag von Müttern, deren Hänschenklein allein in die weite Welt hinausgehen will. Eschede hat wieder einmal bewiesen, daß Mütter von Technik keine Ahnung haben. Erwischt hat es nämlich Wagen vier und folgende, die eigentlich wenn das doofe Schicksal bloß auf Mutti gehört hätte souverän außerhalb der Freischweißzone liegen sollten. Uneingeschränkt weiterhin gültig sind allerdings: »Schwimm nicht so weit raus!«, »Geh nicht mit fremden Onkels mit!« beziehungsweise »Junge, komm bald wieder!«

2. Debattiert wird allerdings noch über den Merksatz: »Fahr nicht so schnell!« Zahlen wir für die Geschwindigkeit nicht einen zu hohen Preis? Müssen wir vielleicht wieder die Langsamkeit entdecken? Das fragten nach der Katastrophe stirnknautschende Bürger, die schon immer dunkel geahnt haben wollen, daß man von elektrischem Strom eine gewischt kriegen kann. Haben die Mahner recht oder einen Radreifen ab? Um das herauszufinden, wird man München Hamburg wohl mit dem Pferdegespann ausprobieren müssen. Kurz vor Eschede bricht ein Rad, die Karre kracht auf die Seite, dem Kutscher aufs Kinn, o nein, die ganze Suppe, das sieht gar nicht gut aus und wo bleibt sie denn, die Rot-Kreuz-Kutsche?
3. Wieder andere Philosophen meinen, die Menschheit dekadent wie sie ist bräuchte hin und wieder einen großen Krieg, um sich beim anschließenden Aufräumen moralisch zu reinigen. Das ist menschenverachtender Unsinn. Deutschland beispielsweise benötigt nur 100 Leichen und einen Haufen weiß-roten Metallschrotts, damit der Bundespräsident anderntags eine Nation der überbordenden Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme ausrufen kann.
4. Was Deutschland noch viel dringender braucht, ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der mit drei Millimeter pro Stunde und schlackernden Rädern telegen auf die bewußte Brücke zurast. Die Bundeswehr ja, wo war eigentlich diesmal die Bundeswehr? könnte ein paar Wochen lang Sandsäcke stapeln, um den ICE zu stoppen, ihn letztlich mit einem Panzerabwehrdingsda zum Stehen bringen. Nach erfolgreichem Abschluß der Operation würde Volker Rühe die Bahn AG zwingen wollen, fortan öffentliche Vereidigungen in ihren Zugtoiletten zuzulassen. Blödsinn? Spekulation? Ach was. Bei Frankfurt/Oder hat er so was ja auch probiert.
5. Nun will die Bahn beim ICE-Strecken-Neubau aber wirklich auf die generell gefährlichen Überführungen verzichten. Statt dessen: Tunnel. Und noch mehr Tunnel. Oder Tunnels? Egal: So oder so geschmacklos. Das englische Königshaus hat bereits interveniert.
6. Die Bahn mag nie wieder einen Zug nach Wilhelm Conrad Röntgen benennen, heißt es. Das klingt plausibel. Deutschland wird auch keine Bundeskanzler mehr nach Helmut Kohl benennen und Hotels dürfen auch in Zukunft keine Zimmernummer 13 haben. Andererseits, was kann Wilhelm Conrad Röntgen dafür? Für unsere jungen Menschen, die zu einem beträchtlichen Teil Birkenau für ein spaciges Sanatorium im Schwarzwald halten, bleibt er doch jetzt immer »der, wo mit dem Zug was war, und der dann zwei Stunden in seinem Triebkopf hockengeblieben ist«. Und beim nächsten Mal? Was wird man sich dann von Carl von Ossietzky (ICE 536), Walter Gropius (ICE 593) und Wilhelm von Humboldt (ICE 795) erzählen? Der einzige Name, der den Fahrgästen Risiko verspricht, ist jener des Otto von Lilienthal (ICE 842). Wäre es nicht gerecht, die Ehre des Namenspatronats jenen zu erweisen, die sie wirklich verdienen, also Jürgen Kohler, Jürgen Klinsmann oder Jürgen W. Möllemann? Beispielsweise.
7. Vor einigen Jahren gab es mal ein Werbeplakat der Bundesbahn, auf dem ein Schnellzug durch eine nächtliche Landschaft braust. Darunter stand: »Alles schläft. Einer fährt.« Dieser Spruch ist ungültig. Ab sofort heißt es: Aufwachen! Und unbedingt wach bleiben! Die Ohren an den Wagenboden pressen und den Geräuschen des öffentlichen Fernverkehrs lauschen. Dies legt ein wohl in passagiererzieherischer Absicht - riesengroß aufgemachter Leserbrief an den »Spiegel« nahe. Ein Kai Jacobsen aus Hamburg fragt: »Wäre der Unfall nicht vermieden worden, wenn ein beherzter Fahrgast gleich bei Auftreten des Ratterns die Notbremse gezogen hätte?« Also noch mal: Wer im ICE »Zivilcourage« zeigt und alle fünf Minuten die Notbremse zieht, nur weil er »Geräusche gehört« hat, kriegt es ab sofort nicht mehr mit dem Staatsschutz zu tun und auch keine Keile von den Mitreisenden, sondern eine Freifahrt extra. Und damit jeder schon vor dem Aufprall Bescheid weiß, wird der Bahn-Vorstand in allen ICEs »Geräuschprofiltafeln« anbringen lassen:
»Muuuuh« Achtung, Beefsteak achteraus!
»Gluck gluck« Keine Panik! Wir verlassen den Rhein in wenigen Minuten.
»Rattabumm, rattabumm« Wir werden alle sterben, zumindest wenn jetzt noch eine Weiche kommt, die direkt vor einer Brücke liegt.
»Krzz pups brchz« Zuglautsprecher ist defekt.
»Möchten Sie einen Kaffee?« Hamm Se mal zehn Mark?
8. Auch Gott hat Konsequenzen gezogen: Publikumsträchtige Katastrophen werden ab sofort nicht mehr in Wahlkampfzentren vergeben, sondern wieder in die Karibische
See gelegt, vor die Küsten der Dominikanischen Republik, wo kein Spitzenpolitiker trockenen Fußes Mikrofone und Kameras erreichen kann und umgekehrt. Wie Schröder (Niedersachsen) und Kohl (Deutschland) vor Ort die Rettungsarbeiten zu behindern suchten, das nötigte sogar abgebrühtesten Autobahncrash-Gaffern Respekt ab. Kohl legte eine Million als Spontanspende aus seinem eigenen Staatssäckel vor. Daraufhin strauchelte Schröder mit seinen Spendierhosen den Bahndamm hinunter und schlug zurück: »Auf meine Bitte hin hat die Landesregierung Niedersachsen eine Million Mark Soforthilfe zur Verfügung gestellt.« Für diesen überaus einnehmenden Zungenschlag darf man ihm getrost eine Million Eisenbahnschwellungen zufügen. Als Soforthilfe. Auf meine Bitte hin.
André Mielke