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Wie leicht hätte es auch anders kommen können: ein vereinigtes Deutschland in den Farben der Deutschen Demokratischen Republik!

Proletatier der alten Länder, vereinigt euch!


ORGAN DES ZENTRALKOMITEES DER SOZIALISTISCHEN EINHEIZPARTEI DEUTSCHLANDS

Berlin / Mittwoch,
22. Dezember 1999
Ausgabe für die fünfzig neuen Bezirke der DDR (ehemals BRD) 0,15 Mark

Vorwärts immer, rückwärts nimmer!
Losungen des Zentralkomitees der SED zum 21. Jahrhundert
Berlin (ADN). Wie aus dem Zentralkomitee der SED verlautet, beginnt am 1. Januar 2001 das 21. Jahrhundert, das vom Staatsvolk der vereinten DDR bereits jetzt mit ebenso fiebriger Spannung erwartet wird wie die entsprechenden Losungen des ZK der SED zu diesem Großereignis. Unter diesem gewaltigen Erwartungsdruck hat sich die Parteiführung gestern entschlossen, ihre Losungen zum 21. Jahrhundert vorfristig zu veröffentlichen, damit der ungezügelte Elan und die überschießende Tatkraft der werktätigen Massen in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Die in ihrer gedanklichen Tiefe und sprachlichen Brillanz dem Millenniumswechsel kongenial entsprechenden Losungen werden das Jahr 2000, eins der letzten des ausgehenden Jahrtausends, zu einem Jahr vielfältiger Initiativen unserer Werktätigen machen ­ zum Wohl des Volkes und seiner führenden Kraft, der Partei der Arbeiterklasse, sowie des Genossen Egon Krenz als führender Kraft innerhalb der führenden Kraft. Die Losungen, die von den besten Komponisten des Landes vertont werden sollen, lauten:
  1. Lang lebe das 21. Jahrhundert!
  2. Es ist nun mal der Dinge Lauf: Das 21. Jahrhundert geht im Osten auf!
  3. Das 21. Jahrhundert ist allmächtig, weil es wahr ist.
  4. Das 21. Jahrhundert in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.
  5. Mit dem Hammer in der Hand stärken wir das Vaterland!
  6. Die ersten Volkswahlen im neuen Millennium: Verdoppeln wir die Anzahl der Ja-Stimmen!
  7. Wir woll'n nicht Claudi Schiffer,
    wir wollen nicht James Bond ­
    wir woll'n die Kandidaten
    der Nationalen Front!
  8. Liberté ­ Egalité ­ Fraternité ­ SED!
  9. Das erste Jahr im neuen Jahrtausend ­ das Jahr 128 nach dem weltberühmten VIII. Parteitag der SED!
  10. Auch im dritten Millennium gilt: Herz und Hand sowie Verstand für die Erfüllung und Übererfüllung der Beschlüsse des VIII. Parteitags der SED von 1972 und aller weiteren Parteitage!
  11. Das 21. Jahrhundert ruft: Proletarier aller Länder (außer Vatikanstadt), vereinigt euch nun endlich!
  12. So wie wir im 21. Jahrhundert arbeiten, werden wir im 22. Jahrhundert leben!
  13. Nichts ist unmöööglich: Sozialismus!!!

Personalien

Hanna Wolf, Rektorin der Parteihochschule »Karl Marx« beim ZK der SED, hat kommissarisch den durch das Ableben Erich Mückenbergers vakant gewordenen Vorsitz der AG »Junge Wilde in der SED« übernommen.

Karl Moik, seinerzeit im Land der Bonner Ultras berüchtigt für die Verbreitung niveauloser und dekadenter Schunkelmusik, hat im Umerziehungslager Beelitz erstmals fehlerfrei »Fisches Nachtgsang« vorgetragen.

Dieter Dehm, langjähriger Stadtguerillero in westdeutschen Kommunen, ist zum Leiter des zentralen DKP-Museums in Düsseldorf ernannt worden.

Kurt Masur hat seine neue Stelle als persönlicher Mitarbeiter von Hans Helmut Hunger, dem Leiter des Zentralen Musikkorps der FDJ, angetreten.

Katja Ebstein, als junges Talent aus den neuen Bezirken großzügig gefördert, muß sich nach kritischen Hinweisen aus Gärtnerischen Produktionsgenossenschaften vor dem Komitee für Unterhaltungskunst für ihren Titel »Sag mir, wo die Blumen sind« verantworten.

Das DDR-Wetter heute
Tiefausläufer vom Nordatlantik können sich gegen das stabile osteuropäische Hoch aus dem Warschauer-Pakt-Bereich nicht durchsetzen, so daß die Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik auch heute wieder bei planmäßig steigenden Temperaturen einen strahlend schönen Tag erwarten dürfen.

Weiterer Trend: Das Wetter wird immer schöner und besser ­ zum Wohle unseres Volkes.

Die große Volksaussprache hat begonnen
»Unsere Demokratie ist spitze im Weltmaßstab!«

Begeisterung über die vorab veröffentlichte Neujahrsansprache des Genossen Egon Krenz

Berlin (ND). Täglich erreichen unsere Redaktion Tausende Zuschriften, in denen Bürger unseres Landes mit großem Engagement die vom Genossen Egon Krenz, Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR, gewährte Chance nutzen, seine vorab veröffentlichte Neujahrsansprache durch eigene Vorschläge zu ergänzen. Hier Auszüge aus diesen Briefen:

Marion G. Dönhoff, Hamburg:
90 Jahre mußte ich werden, um den Zustand höchster Glückseligkeit zu erreichen. Und das verdanke ich einzig und allein einem vielversprechenden Nachwuchs-Politiker: dem Genossen Egon Krenz. Überall in der Welt setzen Staatschefs ihren Bürgern zum neuen Jahr eine Rede vor ­ friß oder stirb! Unser Staatsratsvorsitzender aber stellt seinen Text vorher zur Diskussion, alle dürfen mitreden, das Volk schreibt sich quasi seine eigene Neujahrsansprache und läßt sie vom Generalsekretär am 1. Januar vortragen ­ demokratischer geht¹s nicht, ja, ich scheue mich nicht zu sagen: Das ist Spitze im Weltmaßstab!
Bitte übermitteln Sie dem jungen Mann meinen Dank: Er gibt mir die innere Ruhe und die Kraft, um jetzt, wo es am schönsten ist, abtreten zu können ­ ohne mir Sorgen um die Zukunft machen zu müssen. Farewell, DDR!

FFw Milmersdorf, Leitungskollektiv:
In Anbetracht der Einsatzbereitschaft unserer Genossen sollte in der Aufzählung »MfS, Volkspolizei, Kampfgruppen, innere Organe...« usw. auch die Freiwillige Feuerwehr Erwähnung finden...

Brigade »Rudi Dutschke«, Bereich TKO, IFA-Fahrzeugwerk Rüsselsheim:
Lieber Genosse Krenz, als Wessis schlagen wir vor, an der Stelle, wo Du vom Glück im sozialistischen Kollektiv sprichst, folgendes einzufügen: »Gerade die ehemaligen BRD-Bürger, die früher vom Moloch der kapitalistischen Produktion aufgefressen wurden, genießen die Humanisierung der Arbeit im Sozialismus: Das Pensum ist überschaubar, das Tempo angemessen, das Verhältnis zu Vorgesetzten äußerst entspannt. Keiner ist des anderen Wolf, alles hat ein menschliches Maß. In den Kollektiven wird viel gelacht, selbst bei der politisch-ideologischen Schulung, man tauscht die besten Erfahrungen aus, oft über den Feierabend hinaus. Die Kluft zwischen Arbeit und Freizeit ist kaum noch spürbar ­ das gibt es nur im Sozialismus.«

HGL Erich-Mielke-Straße 7, Bochum:
Wir sind 15 Mietsparteien in unserem Haus und hatten früher kaum Kontakte. Als 1990 der Sozialismus kam und die Mieten um 90 Prozent senkte, dachten viele: Das muß einen Haken haben! Zuerst sah es auch so aus: Daß die Hausgemeinschaft freiwillig die Vorgartenpflege zu übernehmen hatte, ständig Versammlungen und Hausfeste durchführte, Treppenhaus und Fenster streichen mußte, Kleinreparaturen selbst ausführte, eine Hauswandzeitung gestaltete und um die »Goldene Hausnummer« kämpfte, das war anfangs ziemlich ungewohnt. Heute können wir feststellen, daß wir uns durch die »Mach-mit!«-Einsätze viel nähergekommen sind. Nicht nur der Hausbuchführer, wir alle wissen alles über jeden Mieter, sind ein richtiges sozialistisches Wohnkollektiv geworden. ­ Das muß unbedingt rein in die Silvesterrede! Danke.

Joseph Fischer, Presseattaché in der DDR-Botschaft in Washington:
Wenn wir eine Bitte äußern dürften: Wir werden Neujahr wie jedes Jahr die Ansprache unseres verehrten Genossen Staatsratsvorsitzenden per Videoleinwand auch den Bürgern Washingtons zugänglich machen. Der Text ist wurscht ­ wir haben gute Übersetzer. Aber zu schaffen macht uns immer, daß das Fernsehbild hinter dem Genossen Krenz neben unserer Staatsflagge auch eine Generalstabskarte zeigt. Insbesondere die dicken roten Pfeile, die einen zangenartigen Vorstoß auf Washington andeuten, irritieren hier ein wenig.
Weitere Briefe auf Seite 2